Quartier oder Kulisse?
Zürich-West hat durchaus etwas zu bieten. Das Gerold-Areal ist ein Hotspot für Nachtleben, die Maag-Hallen ziehen abends Menschen für Konzerte und Kultur an. Das Flor, das Les Halles, das Brisket: Es gibt Restaurants, die man gerne besucht. Das Quartier ist nicht tot. Aber es fühlt sich nach Kulisse an. Man kommt, arbeitet oder konsumiert, und geht wieder. Das spontane Verweilen, das zufällige Begegnen, das Gefühl, irgendwo wirklich zu Hause zu sein: das fehlt. Daran ist Zürich-West nicht zufällig gescheitert.
Lebendige Stadtquartiere haben einen Ankerpunkt. Wiedikon hat den Idaplatz, Oerlikon den Marktplatz, Wipkingen den Röschibachplatz. Orte, wo man sich trifft, wo das Quartier sich selbst begegnet, wo Kinder spielen und die Nachbarschaft ins Gespräch kommt. Solche Orte entstehen dort, wo die wichtigsten Wege zusammenlaufen, wo Erdgeschosse offen sind und wo Menschen wohnen, die einen Grund haben, wiederzukommen.
Zürich-West hat keinen solchen Ort. Der Turbinenplatz existiert, liegt aber hinter dem Schiffbau in der zweiten Reihe und hat nie die Strahlkraft eines echten Quartierzentrums entwickelt. Prädestiniert dafür wäre der Raum zwischen der Kreuzung Pfingstweidstrasse und Hardstrasse sowie Schiffbau- und Steinfelsplatz, geografisch zentral, gut erreichbar, an wichtigen Verkehrsachsen gelegen. Heute dominieren dort Beton, breite Strassen und eine Gestaltung, die Menschen primär davon wegführt als zum Verweilen einlädt.
Ein Quartierzentrum ist ein Ort, wo sich Gemeinschaft bildet und so auch zum Zuhause wird. In Zürich-West fehlen nicht nur der Platz, sondern auch die Strukturen drumherum: Quartierräume, Begegnungszonen, belebte Erdgeschosse. Die nächste Post ist am Limmatplatz, Spielplätze gibt es kaum, und das lokale Kleingewerbe findet sich erst im Viaduktbogen. Wer in Zürich-West wohnt, muss für vieles des alltäglichen Lebens das Quartier verlassen.
Gefährliche Strassen, zu viele Barrieren
Dazu kommt die fehlende Durchlässigkeit. Die breite Pfingstweidstrasse und die kompliziert geführte Hardstrasse zerschneiden das Gebiet. Wer zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs ist, kämpft gegen eine Verkehrsführung, die für Autos gemacht wurde. Für Kinder ist das Quartier stellenweise schlicht brandgefährlich. Wir erinnern uns zutiefst bestürzt an den tragischen Verkehrsunfall im Dezember 2022, bei dem ein 5-jähriger Bub beim Escher-Wyss-Platz getötet wurde.
Gleichzeitig kehren viele Gebäude dem öffentlichen Raum den Rücken zu, am besten lässt sich das an der Pfingstweidstrasse beobachten. Geschlossene Erdgeschosse, monotone Fassaden, keine Verbindung zwischen innen und aussen. Die Stadt und private Grundeigentümer stehen in der Pflicht. Ein gutes Beispiel ist die ZKB: Ihr Gebäude an der Neuen Hard ist dreiseitig von Strassen umgeben, die Erdgeschosse sind heute unzugänglich. Sie hat das Problem erkannt und widmet sich nun intensiv der Frage, wie das Gebäude an der Neuen Hard so umgestaltet und mit der Umgebung verwoben werden kann, dass es einen Beitrag zum Quartierleben leisten kann. Ein vorbildliches Vorhaben, das wir unterstützen.
Ein konkreter Vorschlag
Wie ein echtes Quartierzentrum entstehen könnte, zeigt das Hochparterre-Themenheft «Die Säulenhalle»: Der Raum unter der Hardbrücke, heute Parkplatz und Verkehrsschneise, könnte zu einem 700 Meter langen öffentlichen Stadtplatz werden. Von der SBB-Station Hardbrücke bis zum Escher-Wyss-Platz entstünde ein gedeckter, wettergeschützter Ort mit Märkten, Gastronomie, Kleingewerbe und Begegnungsraum. Einfach: ein ungewohntes, beeindruckendes urbanes Raumgefühl.
Das Zentrum, das Zürich-West seit Jahrzehnten fehlt, liegt buchstäblich schon da. Es braucht nur den Willen, es zu aktivieren.