Patrick Tscherrig: «Zürich-West lässt niemanden kalt.»
Am 8. März wählt die Stadt Zürich ein neues Parlament und eine neue Regierung. Im dritten Teil unserer Blogserie stellen wir 5 Fragen an Patrick Tscherrig, bisheriger Gemeinderat der SP.
Was fehlt in Zürich-West? Und wovon hat es zu viel?
Eines vorneweg: Ich lebe nicht in Zürich-West, doch das Gebiet lässt niemanden kalt, der sich für Stadtentwicklung interessiert. Auch wenn es aus der Ferne so scheint: Dieses Quartier lebt nicht wirklich. Der Grund liegt auf der Hand. Es fehlen bezahlbare Wohnungen und gemütliche Orte, an denen man sich gerne aufhält. Orte wie der Schiffbau oder der Geroldsgarten zeigen zwar, welches Potenzial vorhanden ist, doch sie bleiben Inseln in einem Gebiet, das über weite Strecken eher Arbeits- und Konsumraum als Lebensraum ist. Zürich-West steht exemplarisch für eine verpasste Chance der 1990er-Jahre. Damals galt vielerorts die Devise: einfach bauen, egal wie teuer. Der Fokus lag auf rascher Entwicklung und maximaler Verwertbarkeit. Die Folgen prägen das Quartier bis heute: ein Übergewicht an Büros, Hotels und hochpreisigen Nutzungen, aber zu wenig bezahlbarer Wohnraum. Die Entwicklung von Zürich-West gilt heute anderen Stadtquartieren und selbst anderen Städten als Warnung.
Der Wohnanteil in Zürich-West liegt heute bei gerade mal 12 Prozent. Ist das ein Problem? Wie liesse sich der Wohnanteil erhöhen?
Diese 12 Prozent sind nicht nur eine Zahl, sondern ein strukturelles Problem. Ein Quartier, in dem kaum Menschen wohnen, kann kein stabiles soziales Gefüge entwickeln. Es fehlt an Alltagsleben, an Nähe, an Identifikation. Wenn Zürich-West eine Zukunft als lebendiges Stadtquartier haben soll, braucht es klar mehr Wohnraum – insbesondere mehr gemeinnützige Wohnungen – und mehr belebte Orte, die nicht ausschliesslich kommerziell funktionieren.
Welchem Aspekt der städtebaulichen Entwicklung wird gemeinhin zu wenig Beachtung geschenkt?
Dem Alltäglichen. Quartierläden, Schulen, Kitas, nicht-kommerzielle Treffpunkte. Sie sind unspektakulär, aber entscheidend dafür, ob ein Quartier funktioniert – gerade für Bewohnende.
Was wünschen Sie sich für Zürich-West?
Wir müssen die verbliebenen Entwicklungsflächen heute anders denken. Ein Beispiel dafür ist das Josefareal. Hier bietet sich die seltene Chance, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Die Vision der IG Zentrum Hardbrücke zeigt überzeugend auf, wie es gehen könnte: ein vielfältiges, dichtes Quartier mit einem substanziellen Anteil gemeinnütziger Wohnungen, ergänzt durch Kultur, Bildung, Grünräume und öffentlich zugängliche Nutzungen. Genau solche Projekte können Zürich-West das geben, was bisher fehlt – ein echtes Zentrum und ein alltägliches Quartierleben.
Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Hürden für eine positive Entwicklung des Quartiers?
Die Boden- und Planungspolitik. Solange Wohnnutzungen gegenüber renditestärkeren Nutzungen ins Hintertreffen geraten, bleibt die soziale Durchmischung ein Lippenbekenntnis. Es braucht verbindliche Wohnanteilsvorgaben, langfristige Bodenbindungen und klare Quoten für gemeinnützigen Wohnungsbau. Wenn die Stadt Zürich die Handlungshoheit zurückgewinnt, so bin ich überzeugt, dass es genügend kreative Ideen gibt, um dem Quartier Leben einzuhauchen.